Pflegepolitik

contec forum 2020: Was die ‚Baustelle Pflege‘ jetzt braucht

Den Jahresauftakt der Kongresse für die Pflegebranche macht traditionsgemäß Mitte Januar das "contec forum" in Berlin. Das ist auch 2020 so. contec-Chef Detlef Friedrich (Foto) gibt hier einen Ausblick auf die Inhalte der Veranstaltung.

Die Konversion in der Pflege hat unweigerlich begonnen. Die Entwicklung wird immer schneller, die Baustellen größer, um die Versäumnisse der letzten Jahre aufzuholen. Viele Akteure und Akteurinnen haben das Gefühl, in einem Hamsterrad zu stecken: Man will sich qualitativ weiterentwickeln – neue Leistungsangebote und Geschäftsmodelle schaffen, Mitarbeitende einstellen, schulen und entwickeln – doch die Ressourcen fehlen an allen Ecken und Enden, sowohl personell als auch finanziell.

KAP-Ergebnisse in die Einrichtungen bringen

Der Wille ist also da - und beim 16. contec forum Pflege und Vernetzung (15.-16.1.20, Palais Kulturbrauerei in Berlin) möchten wir Lösungen finden, die notwendigen Veränderungen auch umzusetzen, sozusagen den Weg aus dem Hamsterrad einschlagen. Deshalb steht die Veranstaltung diesmal unter dem Motto: „Pflege unter Denkmalschutz? KAP, moderne Geschäftsmodelle und Personalkonzepte im Fokus der Branche“. Dafür braucht es aber nicht nur den Gestaltungswillen der Branchenakteur*innen, sondern auch der Politik.

Mit der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) haben die drei beteiligten Bundesministerien ihren Handlungswillen gezeigt. Nun gilt es, die Ergebnisse, die diesen Sommer vorgestellt wurden, in die Einrichtungen zu bringen. Wir freuen uns deshalb besonders, dass wir Sabine Weiss MdB, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, für die politische Eröffnung des contec forums begrüßen dürfen. Unter dem Thema „Renovieren oder Restaurieren? Was die ‚Baustelle Pflege‘ jetzt braucht“ wird so der sprichwörtliche Grundstein für alle weiteren Diskussionen der zwei Tage gelegt. Wie es die KAP auf die Straße schafft, diskutieren wir ganz praktisch mit Vertreter*innen der Wohlfahrtspflege, der Gewerkschaft und der Landespolitik.

Höchste Zeit zu handeln

Letztendlich steht und fällt bei der Pflege fast alles mit dem Thema Personal. Mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Bezahlung machen die Pflege teurer, das haben wir bereits in den letzten zwei Jahren beim contec forum klar herausgestellt. Neue Wege der Finanzierung werden also dringend gebraucht! Das werden beim 16. contec forum sowohl Bernhard Schneider von der Initiative Pro-Pflegereform durch die Studienvorstellung zum Sockel-Spitze-Tausch in der Pflegeversicherung als auch Dr. Ingo Kolodziej mit seiner Präsentation des RWI Pflegeheim Rating Reports, der jüngst erschienen ist, darlegen. Jedes vierte Pflegeheim macht demzufolge mittlerweile Verluste. Höchste Zeit also zu handeln!

Heißes Thema „Zeitarbeit in der Pflege"

Und wieder lässt sich damit die Brücke zum Personal schlagen: Immer mehr Anbieter greifen auf Zeitarbeiter*innen zurück, eine umstrittene und kostspielige Maßnahme, die nicht refinanziert wird, ohne die viele Anbieter aber zukünftig im schlimmsten Fall ihr Angebot reduzieren müssten, weil schlichtweg Personal fehlt. In diesem Zusammenhang werfen wir einen ganzheitlichen Blick auf die Fragen des Personals: Anschließend an Prof. Heinz Rothgangs Ausführungen beim letzten forum wird sein Kollege Thomas Kalwitzki (Socium Forschungszentrum, Uni Bremen) das neue Personalbemessungsverfahren nun mit Blick auf die Praxistauglichkeit vorstellen.

Ob Zeitarbeit in der Pflege eine angemessene Lösung ist, um den Personalschlüssel zu halten, oder ob gar ein Verbot die richtige Konsequenz wäre, wie es erst kürzlich die Berliner Pflegesenatorin Dilek Kalayci gefordert hat, möchten wir diskutieren. Das Podium zum Thema „Zeitarbeit in der Pflege – nicht mit und auch nicht ohne?“ könnte für Brennstoff sorgen, denn die Positionen sind klar – aber auch miteinander vereinbar? Wir fragen den Geschäftsführer einer erfolgreichen Personalvermittlung sowie die Seite der Leistungserbringung: Die einen sehen sich als Retter in der Not und wertschätzende Alternative für Pflegekräfte, die anderen sehen in der Zeitarbeit Qualitätsmängel und eine problematische Konkurrenz.

Neue Konzepte, neues Format

Ich bin der Meinung, dass wir all diesen Konflikten und Herausforderungen nur mit neuen Konzepten begegnen können: Die Auflösung der Sektorengrenzen zwischen ambulant und stationär, neue Personaleinsatzkonzepte, Internationalisierung der Pflege, konsequente Entbürokratisierung und Digitalisierung. Vielleicht können diese Ansätze in all ihren Facetten Ressourcen freilegen, an die wir heute noch nicht denken.

Dazu werden die Teilnehmenden am zweiten Tag des forums intensiv in interaktiven World Cafés arbeiten. Keine starre Frontal-Beschallung, sondern aktives Brainstorming, immer mit einem Experten oder einer Expertin in der Runde, um durch fachliches Input für ein produktives Arbeiten zu sorgen. Interaktiv ist auch das Stichwort für den Abschluss des forums. Die erarbeiteten Ergebnisse zu den Themen Personalgewinnung, Personalentwicklung, Personalbindung und Personalstrategie werden im Anschluss in einer Fishbowl zusammengetragen, sodass alle Teilnehmenden profitieren, unabhängig von dem World Café, für das sie sich entschieden haben.

Traditioneller Neujahrsempfang

Auch unser traditioneller Neujahrsempfang am Abend des 15. Januar wird geprägt sein von spannenden neuen Ansätzen. So freuen wir uns auf den Journalisten und Pflegeexperten Jörg Thadeuzs, auch bekannt durch seine Talkrunden im WDR2, der uns als Key Note Speaker hoffentlich neue und objektive Sichtweisen auf eine zukunftsfähige, gesamtgesellschaftlich wahrgenommene Pflege eröffnen wird: Eine Pflege, die nicht unter Denkmalschutz steht, die Veränderungen zulässt, keine Baustelle, sondern ein starkes und zusammengewachsenes Fundament, auf das unsere Gesellschaft bauen kann.

Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie auf www.contecforum.de

Der Autor:

Detlef Friedrich ist geschäftsführender Gesellschafter der contec GmbH, Unternehmens- und Personalberatung der Gesundheits- und Sozialwirtschaft. Der Schwerpunkt seiner Beratungstätigkeit liegt im Bereich Innovation und Vernetzung. Er führt außerdem Projekte zur Strategieberatung, zum Aufbau transsektoraler Angebotsstrukturen, zur strategischen Personalentwicklung und der internationalen Personalgewinnung durch und coacht darüber hinaus Führungskräfte des Top-Managements in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft.